
Sammlungen von Objekten aus kolonialen Kontexten gibt es nicht nur in Berlin, Hamburg oder Leipzig.






Sammlungen von Objekten aus kolonialen Kontexten gibt es nicht nur in Berlin, Hamburg oder Leipzig. Es gibt sie auch im ländlichen Raum. Zum Beispiel in Beeskow. Das dortige Museum wurde 1906 gegründet, um die Geschichte der Region zu erzählen. Heute befinden sich in der Sammlung aber auch Objekte aus dem Norden Europas, dem Südpazifik und Afrika, insbesondere aus Namibia, der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Das wirft Fragen auf: Wie macht man öffentlich, was in öffentlichen Museen verborgen ist? Wie lässt sich die Auseinandersetzung über die Zukunft solcher Bestände gestalten? Und was haben sie eigentlich mit Großwildjagd, dem Verschwinden sorbischer Ortsnamen, einem verschollenen Australienforscher, der Entnazifizierung in einer kleinen Stadt und den Kolonialwarenläden in den Dörfern zu tun?
Wir recherchierten, gemeinsam mit der Ethnologin Dr. Kerstin Volker-Saad, die Hintergründe des Bestandes. Diese Recherche war die Grundlage für die von uns konzipierte und gestaltete Ausstellung in Beeskow. Sie verdeutlicht, wie sich globale Verwerfungen in lokalen Kontexten niederschlagen und ermutigt dazu, sich mit deutscher Kolonialgeschichte im regionalen und familiären Kontext auseinanderzusetzen.
Recherche
Ausgangspunkt unserer Recherche war die Sichtung des Bestands und der Eingangsbücher des Museums. Von besonderem Interesse war eine Sammlung, die 1953 als Schenkung eines Herrn Hans Meyer aus dem Dorf Mochlitz ins Museum kam. Durch Recherchen im Stadtarchiv Beeskow, dem Kreisarchiv des Landkreises Oder-Spree und im Brandenburgischen Landeshauptarchiv war es uns möglich, Meyer zu identifizieren. Es gelang uns, sein Buch über eine Jagdreise ins Himalaya, »Selfies« mit erlegten Tieren und sogar entfernte Verwandte Meyers aufzuspüren. Offenbar hat er – als Großwildjäger – Russland, Kenia, Indien, den Sudan und Namibia vor 1918 bereist. Das deutet: Seine Sammlung entstand im kolonialen Kontext.
Szenografie und Ausstellungsgrafik
Wer die Ausstellung besucht, sieht zunächst eine Vitrine mit Kaffeemühlen. Sie verdeutlichen, wie der Kolonialismus die Alltagskultur Deutschlands prägte – bis in die Dörfer der Mark Brandenburg. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen aber die 74 Objekte, die durch Hans Meyer und andere Sammler nach Beeskow kamen. Wir zeigen sie in säurefreien Archivkartons. Diese können nach der Ausstellung für eine Lagerung oder den Transport der Objekte unter angemessenen konservatorischen Bedingungen genutzt werden. Hörstationen, das Eingangsbuch des Museums und Akten mit Transkripten aus unserer Recherche eröffnen die Möglichkeit, sich in Hintergrunde zu vertiefen. Eine wandfüllende Grafik illustriert die Zusammensetzung und Geschichte des Beeskower Sammlungsbestandes
Fahren Sie nach Beeskow!
Die Ausstellung »kolonialokal – wir packen aus« entstand als Kooperation des Museums oder-spree mit dem Museumsverband des Landes Brandenburg e.V. und dem studio mut.und.anmut der weißensee kunsthochschule berlin. Sie wurde unterstützt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und Kulturland Brandenburg. Sie ist noch bis zum 31. Dezember 2024 im museum oder-spree auf der Burg Beeskow zu sehen.
Die gestalterische Arbeit am Projekt bestand aus einer Vielzahl von Medien und Techniken. Zunächst wurden auf Grundlage der während der Recherchephase herausgearbeiteten Informationen und Konzepte, Texte und Begleitmaterial von den Studierenden verfasst. Diese Sachebene wurde dann in Form von verschiedenen grafischen Medien verarbeitet. Innerhalb der Ausstellung sind das vor allem ein einleitender A-Text, eine wandfüllende illustrierte Infografik, welche die Situation des Bestandes verdeutlicht und 19 Texttafeln, mit einer Frage auf der Vorder- und einem erklärenden Text auf der Rückseite, die das Thema im einfachen Worten ansprechen. Außerdem entstanden für die Öffentlichkeitsarbeit Postkarten, Flyer und Plakate, die in ihrer Gestaltung den Titel der Ausstellung »kolonialokal – wir packen aus« aufnehmen.
Für die Ausstellung selbst wurde ein Konzept umgesetzt, welches die Besucher_innen durch eine Trennung des Raums erst in das Thema einführt und dann bewusst in den weiten Teil des Raumes eintreten lässt, wo der koloniale Bestand des Museums ausgestellt wird. Die 74 ausgestellten Objekte, welche in säurefreien Archivkartons gezeigt werden, die später auch der konservatorischen Lagerung des Bestandes nutzen sollen, sind von Informationen zur Recherche, der Provenienzgeschichte und Zukunftsfragen, begleitet. Hörstationen, Inventarbücher und Leseplätze geben Raum zur selbstständigen Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema.
Um das Verhältnis der Region zum Kolonialismus zu verdeutlichen, wurden historische Postkarten mit abgedruckten Kolonialwarenläden und bei einem Sammlungsaufruf alte Kaffeemühlen aus Privathaushalten gesammelt. Diese wurden dann bereits im Vorfeld ausgestellt, um einen geschichtlichen und wirtschaftlichen Bezug mit dem Landkreis herzustellen.
Neben der Ausstellung im museum oder-spree wurden außerdem Workshops mit Schulen geplant, um die Geschichte und die Folgen des Kolonialismus in den Oberschulen aufzugreifen, denn eine solche Beschäftigung gibt es bisher in den Lehrplänen kaum. Museumspädagogisch wurde dafür auch ein Spiel entwickelt, dass auf die ungerechte Verteilung von Objekten aus der Zeit des Kolonialismus eingeht.
Beteiligte Personen:
Anna Wolf
Bar Esh
Bruno Giannori
Konrad Adam Modrzejewski
Konstatin Hildebrandt
Lore Elstermann
Pau Mantel
Polina Ryman
Steffen Schuhmann
Unterstützt von:
Caroline Lei
Thilo Albers